Charter in Zeiten von Corona

Abgesagte Flüge, geschlossene Flughäfen, gesperrte Grenzen. Statt ihren Törn zu planen, dürfen Segler zu Hause Trübsal blasen und sich fragen: „Was wird dieses Jahr noch alles bringen“?

Dabei hatte das Jahr so gut begonnen! Noch auf der „Boot“ konnte sich die Charterbranche in ihrem Erfolg sonnen. Alle Umfragen bestätigten die guten Verkaufszahlen; auch nach dem Ende der Messe wiesen noch alle Pfeile nach oben. Einem erfolgreichen Charter-Jahr schien nichts mehr im Wege zu stehen. Doch dann begannen sich dunkle Wolken am Charterhimmel zusammenzubrauen, die sich täglich verdichteten und immer bedrohlicher, schließlich sogar lebensbedrohend, wurden. Wann der Sturm losbrechen und welchen Schaden er letztendlich anrichten wird, kann heute noch niemand sagen. Dass er kommen wird, daran zweifelt aber niemand mehr, ebenso wie keiner glaubt, dass es nur ein reinigendes Gewitter geben wird. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Corona-Krise zur größten Depression der Charter-Branche vertiefen und dabei deren Infrastruktur nachhaltig schädigen wird. Ein Hoffnungstreifen am Horizont sind die Charterfirmen und Agenturen, die mit all ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und auch ihrer Kompetenz solche Kollateralschäden zu verhindern suchen. Alleine werden sie es nicht schaffen. Wollen wir weiter auf ein breites Angebot zugreifen können, ist Solidarität gefragt: die der Charterfirmen, der Agenturen, und (ganz besonders!) die der Kunden.

Wie ist die aktuelle Lage?
Zurzeit so, dass man sie in einer jugendfreien Zeitschrift nicht mit dem Namen benennen darf, den sie sich verdienen würde. Erst wurde Corona als „chinesische Krankheit“ abgetan. Zu spät stellte sich heraus, wie aggressiv das Covid-19 Virus ist. Doch da ließ es sich nur mehr mit drastischen Maßnahmen – die alle auf massive Einschränkungen der persönlichen Freiheit hinausliefen – im Zaum halten. Mittlerweile darf sich Europa rühmen, das Epizentrum einer weltweiten Pandemie zu sein. Italien setzt gerade alles daran, um China bei der Mortalitätsrate nicht den Rang abzulaufen, Spanien scheint unbedingt zu Italien aufzuschließen zu wollen und im Vereinigten Königreich überlegte sich Boris Johnson allen Ernstes, seine Alten und Kranken zu opfern, um den Rest der Briten zurück an ihre Arbeitsplätze schicken zu können. Noch weitgehend frei von Corona behaupten die Charterreviere an der östlichen Adriaküste zu sein. Das könnte aber auch daran liegen, dass in diesen Staaten weniger getestet wird. Aus Griechenland berichten Yachties, dass ihnen die Ausfahrt aus den Häfen verweigert wurde, und ein Deutscher, Professor an der Wirtschaftsuni in Wien, ist mit seinem nagelneuen Kat, der von Frankreich in die Türkei überführen wollte, überhaupt zwischen all Fronten geraten. Seine Crew hatte ihn schon in Sardinien verlassen, in Griechenland darf er in keinen Hafen einlaufen und in der Türkei will man ihn nicht. Trotzdem ist er guter Dinge: Er liegt vor Anker, im Umkreis von fünfhundert Meter ist kein Mensch. Wasser und Proviant reichen für einen Monat, Klopapier und Rum für zwei. So lässt sich das Corona-Virus aussitzen! Sonst scheint man aber in Athen mit der Verteidigung seiner Schengen-Außengrenze gegen die Flüchtlinge so überfordert zu sein, dass man noch keine Zeit fand, sich von seinen EU-Partnern restlos abzuschirmen.

Was auch gar nicht nötig wäre! Schließlich haben schon viele Airlines ihren Flugbetrieb eingestellt, wichtige Flughäfen wurden geschlossen. Öffentliche Verkehrsmittel sollte man tunlichst meiden und wer versucht, eine für ihn unaufschiebbare Reise (ein Charter-Törn gehört nicht dazu!) mit dem Auto anzutreten, dem zeigt das „Europa ohne Grenzen“ schnell seine geschlossenen Grenzen auf. Doch meist kommt man gar nicht so weit, weil man schon zu Hause nur die Wahl zwischen Ausgangsbeschränkungen, Hausarrest oder einer durch familiäre Konflikte verschärften Isolationshaft hat. Sollte es trotzdem jemand schaffen, sich seinen Traum vom Charter-Törn zu erfüllen, muss er, wieder zu Hause, erst mal für zwei Wochen in Quarantäne. Keine erfreulichen Aussichten!

Mit diesem Szenario sieht sich jeder konfrontiert, der für 2020 einen Chartertörn geplant hat. Erste Buchungen trudelten schon im September ein, bis zum Jahresende war das Geschäft weitgehend gelaufen; wer sich erst im Jänner entschied, galt schon als Spätbucher. Jetzt wäre eigentlich die Zeit für die Schnäppchenjäger gekommen! Also für jene „Last-Minute-Bucher“, die sich die Rosinen aus den liegengebliebenen Krümeln zu picken versuchen. Krümel gäbe es genug, doch von diesen Vögeln ist weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil: Zurzeit gähnt der Charter-Markt noch leerer als die Innenbereiche der Städte.

Was wird die nahe Zukunft bringen?
Heiß laufen nur die Telefone. „Umbuchen“ ist das Gebot der Stunde. Umbuchen auf einen späteren Termin, umbuchen auf ein anderes, leichter erreichbares Revier und als oft letzter Ausweg aus dieser Misere: Umbuchen auf 2021! Zwischen fünf und zehn Prozent der Kunden haben sich bereits für diese Möglichkeit entschieden. Eine Mammutaufgabe für Charterfirmen und Agenturen! Optimisten hoffen, dass sich schon um Ostern die Lage entspannen wird und dass in den folgenden Wochen das Leben in Europa wieder hochgefahren werden kann. Dann ließe sich die Delle ausbügeln, der Schaden hielte sich in Grenzen. China gibt uns Hoffnung; dort werden schon seit Tagen keine neuen Corona-Falle mehr verzeichnet. Nur ein erster Erfolg, und der um den Preis einer acht Wochen dauernden beispiellosen Quarantäne. Wer kann schon sicher sein, dass die Maßnahmen auch bei uns greifen werden? Wird sich Covid 19, so wie das Grippe Virus, auch mit dem Beginn der warmen Jahreszeit verabschieden? Wird das Virus im Winter wiederkommen? Noch ist alles Kaffeesud-Leserei. Oder wie eine Betroffene meinte: „Um das voraus zu sagen, bräuchte ich eine Glaskugel und einen Besen“. Wahrscheinlicher ist, dass sich erst in den Sommermonaten Möglichkeiten für diesen oder jenen Chartertörn anbieten. Das „kann muss aber nicht sein“. Möglich ist in einer solchen Situation vieles, wenn nicht alles.

Fast einhellig sprechen die Agenturen von „vorbildlichen Kunden“, die „besonnen“ an das Problem herangehen, aber ebenso von Charterfirmen, denen es an Kulanz nicht mangelt. Jedenfalls was Umbuchungen betrifft. Selbst Stornos werden akzeptiert, auch wenn ein solcher – rechtlich meist nicht gedeckter – „Rücktritt vom Vertrag“ nur gegen eine Gebühr möglich ist. Dafür sollte man als Kunde Verständnis haben, leiden doch die Charterfirmen besonders unter der Situation. Sie haben den Winter über in ihre Flotten und in den Zustand ihrer Schiffe viel Geld investiert. Das sollte nun hereinkommen. Stattdessen fallen ihnen die Einnahmen weg, die Kosten fürs Personal und für die Liegegebühren ihrer Schiffe aber weiter an. Kosten sparen ist angesagt! Kündigungen werden sich nicht vermeiden lassen. Trotzdem werden wir uns auf Pleiten einstellen müssen. Fragt sich nur auf wie viele? Nicht zu beneiden sind auch jene Eigner, die ihre Kauf-Charter auf Pump finanziert haben. Wer bezahlt ihnen jetzt die Raten? Da dürfte sich noch manche Tragödie anbahnen!

Es gibt aber auch Charterfirmen, bei denen der Krieg mit den Kunden voll ausgebrochen ist. Vorgefasste Meinungen trafen auf Justament-Standpunkte, Emotionen siegten über Vernunft. Befindlichkeiten, die sich mit ein wenig gutem Willen von beiden Seiten hätten vergleichen lassen, werden nun wohl vor Gericht ausgetragen Mit allen Risiken, mit allen Kosten und mit ungewissem Ausgang. Wer glaubt diesen Weg gehen zu müssen, der sollte sich vorher jenes Sprichwort in Erinnerung rufen, das so treffend besagt: „Auf See und vor Gericht ist man in Gottes Hand!“

Juristische Fußangeln lauern überall!
Denn eines sei jedem ins Logbuch geschrieben: Was für Juristen „Recht“ ist, hat mit dem, was Laien für Recht halten, meist nichts zu tun. Corona wird viele neue Problem aufwerfen, auf die von der Justiz erst Antworten gefunden werden müssen. Solche Prozesse zu führen, sollte man immer einem Anwalt überlassen. Trotzdem sollen hier einige Begriffe erklärt werden, die zum allgemeine Verständnis beitragen könnten:

Der Begriff „Höhere Gewalt“ wird bei Corona eine wichtige Rolle spielen, weil man in vielen Fällen das „Verschulden nicht einer Partei allein“ wird zuordnen können. Da kann der Kunde, wegen geschlossener Grenzen oder sonstiger Beeinträchtigungen seinen Charter nicht antreten und der Vercharterer könnte ihm das Boot nicht übergeben, weil es in einer unter Quarantäne stehenden Marina liegt. Dies wäre ein „Wegfall der Geschäftsgrundlage“. Bei Bareboot-Charter müsste gemäß dem dann geltenden Mietrecht der Vertrag unter Berücksichtigung der „Zumutbarkeit“ neu ausgehandelt werden. Was so viel heißt wie: Setzt euch zusammen und vereinbart einen neuen Termin. Aber bitte einen, mit dem beide Seiten gut leben können!

Bei einem Törn mit Skipper, eventuell auch bei Kabinen- oder Kojen Charter, stünde dem Kunden ein Recht auf Storno nach dem Reiserecht zu. Von den im Vertrag enthaltenen Bestimmungen hängt es ab, ob der Kunde den vollen Betrag oder nur einen Teil vergütet bekommt.

Steht das Schiff bereit und tritt der Kunde seinen Charter nicht an (oder kann er ihn nicht antreten) muss er trotzdem die Vertragsbedingungen erfüllen. Das bedeutet, dass er keinen Anspruch auf Rückvergütung des von ihm bereits überwiesenen Betrages hat.

Wer eine Reise-Rücktrittsversicherung abgeschlossen hat muss prüfen, ob das Risiko einer „Pandemie“ oder „Epidemie“ eingeschlossen ist. „Höhere Gewalt“ ist meist ausgeschlossen.

Kann die Charterfirma dem Kunden die Yacht (aus welchen Gründen auch immer) nicht übergeben, muss sie ihm sämtliche bisher geleistete Zahlungen rückerstatten. Eventuell stünde dem Kunden auch eine Wiedergutmachung seiner mit diesem Charter verbundenen sonstigen Reisekosten zu. Meist ist die Betreiberfirma aber nur unter Klagsandrohung dazu bereit. Da eine solche Klage beim zuständigen Gericht im Ausland eingebracht werden muss, werden diesen Schritt wohl nur jene setzen, die über eine Rechtsschutzversicherung verfügen.

Die Agentur in Deutschland kann nicht belangt werden. Sie trat ja nur als Vermittler auf.

Wer wegen einer „Reisewarnung“ des Auswärtigen Amtes seinen Chartervertrag stornieren möchte, wird damit kaum Glück haben. Reisewarnungen werden nur ausgesprochen, wenn im Zielland „Gefahr für Leib und Leben“ besteht. Das träfe auf Syrien zu, aber nicht auf die von der Pandemie stark betroffenen Länder. Italien wurde nur mit einer „Empfehlung“ bedacht. Die reicht aber nicht, um einen eventuellen Chartervertrag zu stornieren.

Und wie wird es weitergehen?
Große Hoffnungen setzen die deutschen Charterfirmen und Agenturen auf die vom Staat angekündigten Hilfen. „Die werden wir alle brauchen“, ist man überzeugt, befürchtet aber, dass sie nicht so unbürokratisch wie angekündigt zu erhalten sind und dass für die Kleinen nur die Brosamen abfallen könnten, weil der größte Teil des Kuchens wohl von der Industrie aufgefressen werden wird.

Manche Veranstalter sind überzeugt, dass 2020 gelaufen ist. Sie setzen bereits auf 2021 und hoffen dabei besonders auf die Gegenreaktion ihrer Kunden. Nachdem sie dieses Jahr schon wochenlang abgeschottet waren und nicht wissen wann die Ausganssperren enden werden, sollte sich nächstes Jahr ihr Freiheitsdrang voll entfalten können. Wo sonst ließe sich die wiedergewonnene Freiheit besser ausleben als auf den Meeren? Doch vorher wird man hart verhandeln müssen. Mit der Euphorie der Boom-Jahre, in denen die Preise nur den Weg nach oben kannten, ist es erst mal vorbei. Augenmaß wird wieder gefragt sein.

Nur um den Zusammenbruch zu verhindern, pumpt Deutschland in diesem Jahr dreiviertel Billionen Euro in seine Wirtschaft. Eine unvorstellbare Summe! Die restlichen EU-Länder werden ihm dabei (soweit sie es sich leisten können!) nicht viel nachstehen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob das reichen wird. Die Weisen orakeln schon von einem Einbruch der Wirtschaft um bis zu zehn Prozent. Auch die Zahl der Arbeitslosenzahlen wird steigen. Es wird also nicht nur die Großen treffen, auch die Durchschnittsverdiener werden darunter leiden. Sie machen aber das Gros der Charterkunden aus! Wer weniger Geld in der Börse hat, kann auch nur weniger ausgeben. Einen Preiskrieg, um den dann kleiner gebackenen Kuchen, wird sich die angeschlagene Branche aber nicht leisten können. Mancher fragt sich daher, wie der Charterbranche die Quadratur dieses Kreises gelingen soll. Und das zu Recht!

Eine weitgehend Unbekannte ist auch noch das Corona Virus. Noch gibt es kein Medikament, das Covid 19 besiegen kann, noch ist kein Impfstoff in Sicht, der einen weiteren Pandemie-Ausbruch im nächsten Winter verhindern könnte. Das wäre dann aber der Supergau! Das wäre dann aber auch auf lange Zeit das Ende von vielem, was uns lieb und wert geworden ist. Dann müssten wir auch auf manches verzichten, was uns derzeit noch als unverzichtbar gilt: Zum Beispiel, sich jedes Jahr eine Yacht für seinen Segel Urlaub zu chartern.

Carl Victor

Chartern in Zeichen von Corona